Gymnastiklehrerin und Schulleiterin aus Überzeugung und Leidenschaft

 

Frau Bosen, sind Sie gebürtige Rheinländerin?
Ja, natürlich, ich bin stolz darauf, ein waschechtes „Kölsches Mädchen“ zu sein!

Wann absolvierten Sie Ihre Ausbildung zur staatlich geprüften Gymnastiklehrerin?
Meine Ausbildung machte ich von 1948 bis 1951, unter meinem Mädchennamen Weber in Köln an der Anna Herrmann Schule.

Was hatte Sie dazu bewogen, Gymnastiklehrerin zu werden und wie waren Sie an die Anna Herrmann Schule gekommen?
Zunächst wollte ich Architektin werden. Aber das war unerreichbar für mich. So entschied ich mich für meine andere Vorliebe: Bewegung. Ich habe nach einem Bewegungsberuf Ausschau gehalten. Durch eine Zeitungsanzeige der Anna Herrmann Schule wurde ich auf den Beruf der Gymnastiklehrerin aufmerksam. So kam es, dass ich zur Anna Herrmann Schule, die damals am Köln-Müngerdsdorfer Stadion in den Nordbauten der Sporthochschule beheimatet war, zum Aufnahmetest antrat. Mein erstes Problem dabei war sportliche Kleidung aufzubringen. Ich trat in einer kurzen Sporthose und einem Polohemdchen meines ältesten Bruders an. Damals war ich siebzehneinhalb Jahre alt. Ob beim Werfen, einer Flanke über die Latte oder anderen Übungen – immer fiel ich auf, weil ich von der „falschen“ Seite her die Aufgabe anging. Ich bin Linkshänderin und wurde disqualifiziert, weil ich eine „Gefahr“ für die anderen sei. Beim Test in Bewegungsbildung musste ich in der Gangschulung einen Balken über dem Kopf tragend eine Treppe hochsteigen. Die Leiterin der Schule, Frau Anna Herrmann-Kölschbach, beäugte jede meiner Bewegungen mit kritischem Blick. Ich fiel bei diesem Test durch, weil ich die Arme zu sehr durchdrückte und ein Hohlkreuz machte. Hier war dann Schluss für mich beim Eignungstest, weil ich „in der Mitte durchbreche“, wie die Leiterin sagte.

Total geknickt verließ ich den Termin. Aber ich gab nicht auf. Ich wusste, diese Ausbildung wollte ich machen. Gymnastiklehrerin sollte mein Beruf sein. Zu dieser Zeit gab es jedes Semester die Aufnahme einer neuen Klasse. Während der Aufnahmetests waren auch Schülerinnen höherer Semester als Unterstützung zugegen. So lernte ich Hannelore Weidenbach, eine dieser Schülerinnen kennen, die sich während dieser Tests um mich bemühte und mir Tipps zu den Anforderungen an die verschiedenen Haltungen nach der Anna-Herrmann-Methode gab. Ich war eigentlich ein sehr sportlicher Typ, aber mir fehlte das Bewusstsein für die Anforderungen der organischen Bewegung nach Anna Herrmann. Auch mein Linkshändersein schadete mir, weil ich alles anders machte.

In den folgenden sechs Monaten trainierte ich, indem ich jeden Morgen hinter der Straßenbahn bis zur nächsten Station lief und immer auf die fahrende Bahn sprang und wieder von der fahrenden Bahn absprang. Außerdem hatte ich mich in einem Sportverein angemeldet und dort Leichtathletik und Bodenturnen geübt. Alles, was mit Werfen zu tun hatte, blieb aber meine Schwachstelle, was sich bis heute nicht geändert hat.

Ich trat zum nächsten Eignungstest wieder an. Frau Anna Herrmann-Kölschbach war sehr verwundert, dass ich es noch einmal versuchen wollte. Die Mühen hatten sich aber gelohnt. Ich wurde angenommen! Über die Anstrengungen zur Überwindung des Eignungstests hatte ich völlig verdrängt, dass die Schule als Privatschule schulgeldpflichtig war. Damals betrug das Schulgeld 75 DM pro Monat, eine sehr hohe Summe für diese Zeit. Andere Kosten kamen natürlich auch noch dazu wie zum Beispiel Kleidung, Fahrgeld und anderes. Meine Eltern hatten bis dahin keine Ahnung von meiner Berufswahl und deren Kosten. Es war ganz und gar unmöglich für meine Eltern, die fünf Kinder und nur einen Verdiener hatten, eine Privatschulausbildung zu bezahlen.

Nach dem langen Kampf und endlich dem Erfolg des Erhalts des Ausbildungsplatzes scheiterte ich nun an dieser für mich unüberwindbaren Hürde, die mein Glück zerplatzen ließ. Ich wurde krank, aß nichts mehr und lag im Bett. Hannelore Weidenbach hatte alles mitbekommen. Als ich tagelang nicht zum Unterricht erschien und Frau Anna Herrmann-Kölschbach in die Runde fragte, ob jemand etwas wüsste, erzählte ihr Hannelore den Grund. Am Abend erschien Frau Herrmann-Kölschbach bei uns zu Hause. Meine Eltern und ich waren sehr überrascht. Sie brachte mir eine Orange zur Genesung mit! Eine Orange, so ein außergewöhnliches Obst gab es sonst nicht. Frau Herrmann-Kölschbach sprach mit meinen Eltern und bot an, dass ich statt der Zahlung des Schulgeldes bei ihr zu Hause nach der Schule tätig sein könne. Die nach außen unnahbar scheinende Anna Herrmann-Kölschbach zeigte ihr Herz auf besondere Weise. So konnte ich meine Ausbildung zur Gymnastiklehrerin doch noch beginnen.

Zu meinen Arbeiten bei Anna Herrmann-Kölschbach gehörten nach der Schule fortan für die nächsten zwei Semester Hausarbeiten, die Pflege der fünf Katzen, aber auch Schreibtätigkeiten und Massagebehandlungen an ihr. Ich hatte so täglich zwei Lern- und Arbeitsphasen und lag erst um 24 Uhr im Bett.

Insbesondere meine Haushaltsarbeiten nutzte „AH“, wie sie in der Schule genannt wurde, um mir dabei die dreidimensionale Bewegungsführung zur Erleichterung der körperlichen Belastungen zu vermitteln. Sie selber betrieb dabei aber auch eigene Bewegungsstudien. Ich lernte zum Beispiel, wie man beim Tragen und Heben die Körpermitte einsetzt, um die Lendenwirbelsäule zu stärken beziehungsweise zu entlasten. Oder, wie man die dreidimensionale Armführung beim Einräumen von Geschirr in den Oberschrank der Küche einsetzt.

Neben der gesundheitlichen Zielrichtung kam es AH auch darauf an, dass alle Bewegungen in einem harmonischen Bewegungsfluss ausgeführt werden. Ihr Idealziel war es, dass auch die Hausfrau bei ihren alltäglichen Arbeiten lernte, diese Tätigkeiten mit dem geringsten Krafteinsatz auszuführen und durch organisches Bewegen Verspannungen und Überlastungen zu vermeiden. So konnte „die Frau“ ihrem Verständnis nach den Körper gesund und leistungsfähig erhalten und dabei in ihren Bewegungen fließend und anmutig bleiben.

Nach solchen Bewegungsstudien kam es anderntags in der Schule regelmäßig vor, dass die anderen Schülerinnen, die natürlich von meinen Tätigkeiten wussten, mich dazu animierten, daraus etwas vorzuführen. Ich nahm dazu das Markenzeichen von AH, ihren schwarzen Hut, den sie immer bei Betreten der Schule auf den Ständer hängte, setzte diesen Hut auf und spielte den anderen Anna-Herrmann-Schülerinnen die Bewegungsabläufe vor. Beispielsweise die ideale Ausführung von fließenden Bewegungen und der richtigen organischen Haltung während des Bügelns. Meine Mitschülerinnen und ich hatten ganz besonderen Spaß bei diesen Vorführungen. Später erfuhr ich, dass AH meine Vorstellungen genau mitbekam, sie aber zuließ, weil alle auf diese Weise auch etwas lernten.

In dieser Zeit hatten Sie sozusagen A-H-Ausbildung von morgens bis in die Nacht. Wie lief das denn in der Schule bei Anna Herrmann-Kölschbach?
Zunächst muss ich sagen, dass meine Nachmittagsbeschäftigung zu Hause bei AH nur zwei Semester andauerte. Danach hatte ich die Möglichkeit, mir das Schulgeld mit Arbeiten auf Messen zu verdienen.

Der Unterricht in der AH-Schule verlief in einer ungebundenen Form. Wir hatten sehr kleine Gruppen. In meinem Semester hatten wir mit neun Schülerinnen angefangen, eine große Gruppe im Verhältnis zu den meisten anderen. Es gab unterschiedliche Lernformen. So hatten wir damals alle Theoriestunden in der Sporthochschule zusammen mit den vorwiegend männlichen Sportstudenten. Wir nahmen zum Beispiel an Anatomie-Vorlesungen gemeinsam teil. Es saßen immer alle AH-Schülerinnen aller Semester zusammen mit in der Vorlesung. Auch wurde im praktischen Bereich viel semesterübergreifend, einiges sogar über alle Semester zusammen gelernt. Bei Leichtathletik zum Beispiel waren alle sechs Semester mit einer Lehrerin auf der Wettkampfbahn. Die höheren Semester arbeiteten mit den Jüngeren und korrigierten sie. Jeder hatte in verschiedenen Gruppen seine Rolle und Aufgaben zu bewältigen. So schulte man seine pädagogischen Fähigkeiten ständig mit. Im Fach Massage war man in den ersten Semestern immer Patient und wurde behandelt, massiert von den Älteren. Erst ab dem vierten Semester durfte man selber Behandlungen dann an den Jüngeren ausführen. Auch in Körper- und Bewegungsbildung übten und korrigierten die Schülerinnen höherer Semester die Jüngeren neben der jeweils anwesenden Lehrerin.

Anna Herrmann-Kölschbach war immer präsent, hatte alles und jedes/jede im Blick. Sie trug generell schwarze Kleidung, insbesondere ein schwarzes Jersey-Etui-Kleid, welches ihre sehr schlanke Figur noch mehr betonte. Sie war erfüllt von ihrer Passion, der Ausbildung von Gymnastiklehrerinnen nach ihren Bewegungszielen. Sie lebte für ihre Gymnastik innerhalb und außerhalb der Schule. Materiell hielt sie sich eher gerade über Wasser, lebte bescheiden.

Generell kann man sagen, dass die Theorie einen viel kleineren Anteil in der Ausbildung, als es heute der Fall ist, ausmachte und nur als Basis für das Verstehen von Bewegungsabläufen oder physiologischen Zusammenhängen diente. Darauf aufbauend lernte man in physisch-praktischer Form die Bewegungen auch organisch-harmonisch auszuführen, übte dies ständig unter gegenseitiger Korrektur, um dann erst eigene Bewegungsabläufe und –formen nach Aufgabenstellung der Lehrerin zu entwickeln. Lernen über physisches Erleben mit eigener reflektorischer Analyse oder der von den Mitschülerinnen war der Schwerpunkt der Unterrichtsform.

Im letzten Ausbildungsteil ging man auch wochenweise schon in Grund- und Volksschulen und unterrichtete dort die Klassen in Sport und Gymnastik als Berufspraktikum. Vor dem Examen musste jede eine Studienarbeit zu einem vorgegebenen Thema schreiben. Sonst gab es keine festen schriftlichen Leistungsnachweise oder schriftliche Notengebung. Im täglichen Unterricht übte man entsprechend der Korrektur so lange, bis das Bewegungsergebnis als zufriedenstellend befunden wurde. Der Rahmen war damals anders als heute strukturiert. Es gab kaum formelle Vorgaben. Dennoch wurden wir sehr intensiv in unserer Ausbildung von den inhaltlichen Leitlinien der Anna-Herrmann-Methode geführt. Lernen durch Tun, Verinnerlichung durch Übung stellte die Basis dar, auf der dann die eigene Weiterentwicklung im Sinne der organischen Gymnastik möglich wurde.

Wie und wo arbeiteten Sie unmittelbar nach Ihrer staatlichen Abschlussprüfung als Gymnastiklehrerin?
Ich musste dringend eigenes Geld verdienen und ging zum Arbeitsamt Köln. Die Abteilungsleiterin, Frau Dr. Albert, ließ mich eine Stunde warten. Ich beobachtete dabei das über den Gang gehende Personal und deren Haltungsfehler zum Zeitvertreib. Im Gespräch dann stellte sich heraus, dass man beim Arbeitsamt diesen Beruf „Gymnastiklehrerin“ gar nicht kannte. Ich versuchte Frau Dr. Albert zu vermitteln, dass es allein schon in dieser Behörde viel an Bewegungsschulung zu tun gäbe. Die Dame schien aber nicht offen dafür, und so kehrte ich zur Anna Herrmann Schule zurück und berichtete über meinen Misserfolg. A H gab mir darauf das Fach Bewegungsbildung mit acht Wochenstunden. Kurz darauf kam ein Anruf vom Arbeitsamt in der Schule an, ich solle mich beim dortigen Leiter, Herrn Herrmann Wendland, vorstellen. Nach meiner ersten Abfuhr erschien ich dort mit gemischten Gefühlen. Zwischenzeitlich hatte wohl Frau Dr. Albert Herrn Wendland von meinen Vorschlägen berichtet. Im Gespräch mit mir war er sehr aufgeschlossen. Er war selber ein sehr schwerer Mann mit Bewegungseinschränkungen, nahm aber meine Ideen, die man heute als präventives Bewegungsprogramm zur betrieblichen Gesundheitsförderung bezeichnen würde, auf und richtete im Sitzungssaal, der dafür extra frei geräumt wurde, Gymnastikkurse für seine Beamten mit mir als Kursleiterin ein. Das Personal bekam dafür die jeweilige Arbeitsstunde frei. Dies war für diese Zeit sehr fortschrittlich. Aus den Kursteilnehmerinnen – Männer trauten sich nicht in diese Kurse – gewann ich auch meine ersten Privatpatienten für Massagebehandlung mit und ohne Atembehandlung.

Die Zielgruppe „Mann“ bekam ich durch einen dafür ausgeschriebenen Kurs bei der Volkshochschule Köln „Gymnastik für den Mann“. In der VHS gab es zu dieser Zeit in Köln bereits immer mindestens fünf Angebote, die durch Anna-Herrmann-Lehrerinnen geleitet wurden. Diese Kurse waren beliebt und immer ausgebucht. Mir wurde bekannt, dass der angebotene Männerkurs keine Kursleitung hatte. Dies war meine Chance. Einer dieser Teilnehmer war Gerd Bolzau, Sportredakteur beim Kölner Stadtanzeiger. Er sorgte dafür, dass mein Männerkurs und später immer wieder andere meiner Tätigkeiten in der Zeitung publik wurden. Mit diesen verschiedenen Tätigkeiten des Unterrichts und den Behandlungen kam ich finanziell gut über die Runden.

Mit mir im Examen war auch ein Fräulein Sommer gewesen, die durch die Verbindungen ihres Vaters eine Stelle als Gymnastiklehrerin auf Norderney angeboten bekommen hatte. Sie wollte aber Köln nicht verlassen und bat mich, ob sie mit mir tauschen könne, meine Tätigkeiten zu übernehmen und dass ich stattdessen nach Norderney gehen könne. Ich war sofort begeistert von dieser Idee, war ich doch bis dahin noch nie am Meer gewesen. Ich verband mit der Insel ein Stück Freiheit und neue vielversprechende Möglichkeiten. Wohnen, Haushaltsführung inklusive Wäsche und das Essen hatte ich frei. Ein Gehalt gab es dazu. Dies erschien mir sehr verlockend. Ich brauchte aber dazu die Erlaubnis meiner Eltern, die sie mir aber gaben, weil ich damals erst 20 Jahre, das heißt, noch nicht volljährig war.

Auf Norderney kam zum Bereich der Prävention sehr ausgiebig die Rehabilitation zu meinen beruflichen Tätigkeiten dazu. Ich arbeitete in den Kurzentren der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Die Kuren dauerten zur damaligen Zeit jeweils sechs Wochen. Die meisten waren Kinder. Es gab aber auch Mütter. Die Kinder hatten kriegsbedingte Ernährungsmangelerkrankungen wie Wirbelsäulendeformierungen, zum Beispiel Rachitisschäden mit asthmatischen Erkrankungen als Folgeschäden. Es waren alles Kinder aus dem Ruhrgebiet. Ich gab Gruppenkurse und Einzelbehandlungen. Mein Einsatzgebiet auf Norderney waren die Kinderheime in der Victoriastraße am Weststrand (100 Kinder) und der Heckenrose (60 Kinder) und in dem Mütterkurheim (40 Mütter) in der Winterstraße. Auch die Mütter hatten Folgeschäden der Kriegszeit und Hungersnot. Ich wohnte im Kinderheim am Weststrand mit Meeresblick, aber ohne fließendes Wasser! Auf Norderney arbeitete ich insgesamt 2 Jahre bis Ende 1953, eine für mich unvergessene glückliche Zeit sowohl beruflich wie privat. Dies waren meine beruflichen Anfänge als Gymnastiklehrerin.

Wie kam es dazu, dass Sie die Trägerschaft der Anna Herrmann Schule von Anna Herrmann-Kölschbach übernahmen?
Anna Herrmann-Kölschbach hatte nur ein Kind, einen Sohn, der als Jurist die Schule nicht übernehmen wollte und konnte. Im weit fortgeschrittenen Alter von 85 Jahren hatte AH über einen Lehrer ihrer Schule, Herrn Huhn, der über meine zwischenzeitliche Sportlehrertätigkeit an einer Realschule in Düren Kenntnis erhalten hatte, meinen Aufenthaltsort in der Eifel ausfindig gemacht. So trat A H 1973 in Kontakt zur mir. Man traf sich mehrfach, sprach viel zusammen. Sie erfuhr meinen Werdegang, der sich nach den oben genannten Anfängen über lange Phasen der Unterhaltung eines eigenen Sport- und Gymnastikstudios in Köln-Lindental auf der Dürener Straße und schließlich 19 Jahre Unterrichtstätigkeit an der Dürener Realschule hingezogen hatte.

Schließlich bot mir AH die Übernahme ihrer Schule in Trägerschaft und Schulleitung an. Nach Rücksprache mit meinem Mann, Karl-Heinz Bosen, entschloss ich mich, dieses Angebot anzunehmen. Es war eine Familienentscheidung, da mein Mann die wirtschaftliche Führung und Verwaltungsleitung der Schule übernehmen musste. Ich war der passionierte Bewegungsmensch und konzentrierte mich vollständig auf die Belange der pädagogischen Arbeit. So kam es 1974 zu meiner Übernahme der Anna Herrmann Schule.

Wie viele Schülerinnen wurden zu dieser Zeit ausgebildet?
Die Anna Herrmann Schule hatte zwischenzeitlich ihren Standort in Köln an der Rechtsschule am Wallraf-Richard-Platz, im Zentrum von Köln. Sie war einzügig mit zirka 50 bis 60 Schülerinnen. Es waren immer noch drei Ausbildungsjahre aber es wurde nur einmal im Sommer aufgenommen.

Welche Ziele hatten Sie sich damals für die Anna Herrmann Schule gesetzt und letztlich verwirklichen können?
In meiner gymnastischen Arbeit  bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich in einigen Bereichen Musik erfolgreich eingesetzt. Musik gab es bis dahin bei AH nur beim Volks- und Laientanz! Ich führte zunächst Musik im Bereich Bewegungsgestaltung ein und erweiterte das Ausbildungsprogramm durch den Teilbereich Improvisation. Nach und nach wurde die Nutzung von Musik auch in anderen Bewegungsbereichen eingeführt. Außerdem gab es bis zu meiner Übernahme der Schule keine verschriftlichten Lehrpläne. Dies wurde unter mir mit dem Team erstmals angegangen. Zu größeren Aufregungen im Lehrerkollegium führte die Einführung eines allgemeinen Organisationsrahmens. Dazu zählte ein fester Unterrichtsplan mit dem dazugehörigen festen Stundenplan. Aber auch organisatorische Rahmenbedingungen wie Schulklingel, Klassenbuchführung, Notenlisten, vorgegebene Leistungsnachweise und vieles mehr. Kurz: wir wurden eine richtige Berufsfachschule. Unter AH war bis dahin die Schule in der Form eines „ungebundenen Schulbetriebes“ geführt worden. Das heißt, alle oben genannten Rahmenbedingungen fehlten, und es wurden bis zum Staatsexamen weder Halbjahres- noch Versetzungszeugnisse erteilt.

Anna Herrmann-Kölschbach verstarb im Alter von 87 Jahren 1975, nur kurze Zeit nachdem Sie die Schulträgerschaft übertragen bekommen hatten. War es für Sie damals nicht ein immenses Risiko, den ganzen wirtschaftlichen Umfang der Schule weiterzuführen?
Ja, das kann man wohl sagen. Es war ein viel größeres Risiko, als wir geglaubt hatten. AH hatte nämlich bis zu diesem Zeitpunkt nur eine Eigenleistung von zwei Prozent aufzubringen. Als ich die Schule übernahm, wurden wir durch die Bezirksregierung Köln gewahr, dass diese Sonderregelung nur für Anna Herrmann-Kölschbach gegolten hatte und dass wir mit dem Trägerwechsel wie alle anderen Ersatzschulen nun 13 Prozent Eigenleistung erbringen mussten. Dies machte einen gewaltigen finanziellen Unterschied. Die bisherigen Zahlungen der Eltern damals waren erstens sehr unterschiedlich der Höhe und der Zuverlässigkeit nach und außerdem viel zu niedrig für die nun zu deckende Summe. Die entstehende Lücke machte einen privaten Zuschuss aus dem Vermögen meines Mannes nötig, der aber dauerhaft nicht möglich gewesen wäre und somit schnell zur Schließung der Schule geführt hätte.

In einer Krisensitzung mit den Schülerinnen und Eltern wurde nach einer Lösung gesucht. Die Erhebung von verpflichtenden Schulgeldzahlungen kam nicht in Frage, da solches Geld zu 100 Prozent die Subventionsmittel nach dem Ersatzschulfinanzgesetz in Nordrhein-Westfalen gemindert hätte. Die Rettung lag in der Gründung eines Fördervereines, der im Mai 1975 eingetragen wurde und bis heute die finanzielle Sicherstellung der Eigenleistung gewährleistet. Erst dieses Konstrukt des Fördervereines und die damalige große Bereitschaft der Eltern die Erhöhung ihres finanziellen Engagements für die Ausbildung mitzutragen machte eine Fortführung der Schule möglich.

Warum verlegten Sie Jahre später den Standort der Schule von Köln nach Kerpen?
Die Anna Herrmann Schule war erfolgreich und eine beliebte Ausbildungsstätte. Dies zeigte sich in steigenden Schülerzahlen. Wir erweiterten uns durch eine Zweigstelle in Köln-Ehrenfeld in der Venloer Straße. Wir hatten inzwischen 160 Schülerinnen und waren zweizügig geworden. Da bekamen wir in dem Haus an der Rechtsschule in Köln Mitte die Kündigung des Mietvertrages und mussten dort bis Ende 1983 die Schule geräumt haben. Es galt eine schnelle Lösung zu finden. Mein Entsetzen teilte ich den Schülerinnen mit, die dies postwendend zu Hause erzählten. So kam es, dass ich bereits am nächsten Tag drei Angebote für einen Ortswechsel vorgelegt bekam. Nach Prüfung der Standorte und räumlichen Gegebenheiten mit dem damaligen Vorsitzenden des Fördervereines, dem Architekten Prof. Dr. Friedrich-Wilhelm Bertram – mein Mann war zwischenzeitlich 1981 verstorben – entschieden wir uns für das ehemalige Rathaus in Kerpen-Horrem, zirka 25 Kilometer westlich von Köln gelegen. Die Struktur eines ehemaligen Rathauses passte gut zu dem Raumbedarf einer Schule und insbesondere der ehemalige Sitzungssaal mit einer Raumhöhe über zwei Etagen bot ideale Voraussetzungen für den fachpraktischen Gymnastikunterricht. Auch die gute Verkehrsanbindung über die Bundesbahn und ein naheliegendes Autobahnkreuz sprachen für diesen Standort. Der Tipp zu diesem Gebäude kam über den Vater unserer damaligen Schülerin, Monika Abels, Herrn Peter Abels, SPD und Mitglied des Kerpener Stadtrates. Das Rathaus war frei geworden, weil in Kerpen-Stadt alle anderen Stadtteilrathäuser zusammengelegt worden waren. Nach entsprechenden Vorgesprächen mit der damaligen Doppelspitze, dem Bürgermeister, Herrn Werner Stump, CDU, und dem Stadtdirektor, Herrn Wolfgang Bell, SPD, wurde die Umsiedlung nach Kerpen überparteilich unterstützt und die entsprechenden Kosten für die nötigen Umbauten durch den Stadtrat für mehrere 100.000 DM beschlossen und dann durchgeführt. 

Im Dezember 1983 erfolgte dann der Umzug nach Horrem, der allein unter Mithilfe und Unterstützung von Schülerinnen, Eltern, Freunden und dem AHS-Personal durchgeführt wurde. Auch der vorher noch nötige Anstrich des Schulgebäudes von innen, der nicht zum Ausbauprogramm der Stadt gehörte, wurde allein in Eigenleistung durch die Schülerinnen durchgeführt. Im Januar 1984 übergab bei einer offiziellen Einweihungsfeier der Bürgermeister, Werner Stump, mir symbolisch den Hausschlüssel.

 Wie lange haben Sie Ihre Aufgabe als Schulleiterin wahrgenommen, und welche Aufgaben übernehmen Sie jetzt im Bereich der AHS?
Meine Schulleitungstätigkeit führte ich in einem beamtenähnlichen Verhältnis aus. Damit war meine Amtstätigkeit altersmäßig begrenzt. Das Pensionsalter trat für Frauen damals mit 63 Jahren ein. Man konnte mit Genehmigung durch die Bezirksregierung aber bis zum 65. Lebensjahr weiterarbeiten, was ich auch tat. 1996 übergab ich dann die Schulleitung an Herrn Peter Gseller, Diplom-Sportlehrer und Arzt, der schon viele Jahre als Lehrer für die medizinischen Fachbereiche in der Anna Herrmann Schule verantwortlich war. Ich blieb weiterhin in der Schulträgerschaft der Anna Herrmann Schule. Die Schulträgerschaft war zwischenzeitlich von der Personengesellschaft in eine gemeinnützige GmbH, in der ich Gesellschafterin und Geschäftsführerin seit ihrer Gründung Ende 1993 war, umgewandelt worden. Die Geschäftsführung dieser AHS Berufsfachschule für Gymnastik (und heute auch Kosmetik) gemeinnützigen GmbH übernahm 1998 die Mitgesellschafterin, meine Tochter Petra Witt, geborene Bosen, die sie bis heute innehat. Meine Gesellschaftsanteile habe ich vor ein paar Jahren an meinen Enkel Andreas Witt übertragen, um so den Weg der AHS weiter abzusichern. Ich bleibe Gründungsmitglied in dem Verein der Freunde und Förderer der organischen Gymnastik der Anna Herrmann Schule und bin so weiter mit den Entwicklungen der Schule verbunden.

Vielen Dank Frau Bosen für diese vielen Eindrücke aus Ihrer Arbeit und den Geschehnissen der Anna Herrmann Schule, die Sie als eine wichtige Zeitzeugin von der Art her von der Schülerin bis zur Schulleiterin und Schulträgerin in den verschiedensten Fassetten über Jahrzehnte mit begleitet und mit gestaltet haben.
Gern geschehen!

 

Das Interview führte
Gundula Müller-Napp
Staatlich geprüfte Gymnastiklehrerin